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Das Alm-Brett

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Hire personality – train skills: Interview mit Farina Schurzfeld

Mit Farina Schurzfeld reden wir über den Menschen und das Team. Außerdem verrät sie uns, warum jeder, der bei Selfapy zu arbeiten anfängt, das Buch „The big 5 for life“ von John Strelecky bekommt. Selfapy bietet kostengünstige, anonyme und flexible Unterstützung in psychischen Belastungssituationen. Das dreimonatige Programm wurde von erfahrenen Psychologen entwickelt und basiert auf Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie.

Jonas: Liebe Farina, schön, dass du Zeit für ein gemeinsames Interview hast. Ich möchte gleich mit einer Frage starten, die sich auf eine Aussage von dir bezieht: „Wenn ein Team wachsen will, dann geht es nicht nur um Prozesse, Tools und die Art der Zusammenarbeit, sondern zuallererst geht es um den Menschen. Das ist der wichtigste Erfolgsfaktor.“ Deshalb auch meine Frage: Wie stellt ihr euer Team zusammen? Wie findet ihr den Menschen, der für euch den Erfolgsfaktor darstellt?

Farina: Das ist eine sehr spannende Frage. Um diese zu beantworten, hole ich etwas weiter aus. Ich glaube, im Endeffekt ist man immer der gleiche Mensch, egal ob auf der Arbeit oder zu Hause oder im Freundeskreis. Viele Menschen sprechen zwar von einer work personality, aber ich glaube die eigenen Grundwerte kann man nicht so einfach umpolen. Die Motivation, um jeden Tag zur Arbeit zu gehen, sollte nicht rein geldgetrieben sein, vor allem da wir den Großteil unserer Zeit dort verbringen. Daher soll es Spaß machen, ich soll dabei was lernen und auch Erfahrungen machen. Darum geht es ja auch im Leben: möglichst viele Erfahrungen zu machen. Einer meiner liebsten Leitsprüche ist:

Hire personality, train skills. Jede Rolle hat ihr Skillset, dessen sollte man sich bewusst sein. Wir achten auch sehr stark auf die menschlichen Werte. Dazu eine kleine Geschichte: Es gibt ein Buch von John Strelecky: The Big Five For Life. Ich habe es jedem gegeben, der bei uns angefangen hat zu arbeiten. Wenn du 5 Dinge am Ende deines Lebens definieren müsstest, damit du sagen könntest, das war ein erfülltes Leben. Welche wären das?

Mir ist wichtig, dass im Interview der authentische Mensch durchkommt. Und ich glaube, wenn das passiert und das Skillset einigermaßen passt, dann hast du mich überzeugt. So stellen wir auch das Team zusammen.

© https://lifegoalmovement.weebly.com/blog/the-big-five-for-life-john-strelecky

Jonas: Wie schafft ihr es darauf zu achten? Werte ist ein sehr weicher Begriff, jeder versteht etwas anderes darunter, also diese zu messen ist sehr schwer. Was sind eure Erfahrungen, um diese Werte zu prüfen?

Farina: Wenn du dich mit jemandem unterhältst, begibst du dich in einen gemeinsamen Raum. Man merkt schnell, ob der andere Lust hat, in den Raum hineinzugehen und sich dort mit Neugierde umschaut oder ob er lieber stehen bleibt und sagt: „Das sieht alles etwas komisch aus.“ Was ich im Interview mache, ist, dass ich versuche, die Angst aus dem Raum zu nehmen. Dadurch kann man den Raum betreten ohne, dass es „wehtut“. Ich wünsche mir, dass die Leute eine gewisse Fehlerkultur und einen guten Umgang mit Fehlern mit sich selbst haben. Das ist auch wichtig für das Unternehmen. Deshalb spreche ich auch ganz offen, über meine eigenen Fehler. Für mich ist ein Interview nicht ein Abfragen von Kompetenzen in der Art von: „Du willst bei uns arbeiten? Mach mal einen Handstand!“ Denn das macht den Menschen als solchen nicht aus. Klar kann man Dinge abfragen, wie wichtig eine gewisse Übersicht und Kontrolle zu haben vs. Freiheit für jemanden ist. Und inwiefern sich jemand Input wünscht oder gerne selbstständig arbeitet.  Ich habe 8 Monate in der strategischen Personalentwicklung gearbeitet und dort strukturierte Interviews mit älteren Männern, die meistens Manager waren, geführt. Es war immer ein ganz bestimmtes Schema. Ich nutze auch heute noch immer Elemente daraus, aber meine Gespräche sind mehr ein offener Dialog. Ich merke relativ schnell, ob jemand passt. Dann stelle ich vielleicht auch eine Frage wie: „Was ist dir an deinen Kollegen besonders wichtig?“ Wenn ich mich beobachten würde, dann würde ich glaube ich ca. 80% persönliche Fragen stellen und 20% skill-basierte Fragen. Für die Skills machst du dann eine Arbeitsprobe oder fragst nach Referenzen. Eigentlich will ich immer den Menschen kennen lernen und wenn ich merke, dass wir gut harmonieren, dann passt es. Ich habe aber auch schon Fehler gemacht und Leute eingestellt, bei denen ich mich komplett vertan habe.

Jonas: Ich finde es interessant, dass du sagst, du schaffst einen emotional sicheren Raum. Ich habe mich gestern mit jemandem unterhalten, der gesagt hat, dass er in Interviews manchmal absichtlich unbequeme Situationen schafft. Ihm geht es dabei nicht um die Antwort, sondern um die Reaktion des Gegenübers.

Farina: Ich war in meiner Jugend bei Rocket Internet, daher kenne ich diese pressure Interviews. Da muss man sich fragen, ob man in einer Umgebung arbeiten möchte, in der bewusst so ein Unwohlsein produziert wird. Solche pressure Interviews bedeuten auch, dass man mir meine ehrliche Antwort auf gewisse Szenarien nicht glaubt, sondern man muss mich in diesen Zustand bringen, damit ich in so einer Stresssituation reagiere. Für mich ist das nicht der richtige Umgang mit dem Faktor Mensch. Ich würde mich so nicht wohlfühlen und deshalb würde ich auch niemanden bewusst in so eine Situation bringen. Ein anderes Thema ist z.B., dass mir in einer Organisationsentwicklungssession aufgefallen ist, dass ich ein Kumpeltyp bin. Ich bringe den Leuten ein Eis mit, wir schnacken auch über ganz viele andere Themen und nicht nur die Arbeit. Ich lasse Leute extrem weit laufen. In 20% ihrer Zeit können sie machen was sie möchten, geht zum See und macht mal hier und macht mal da. Aber wenn ich gestresst bin, weil X,Y,Z, dann werde ich zum Hammer. „Wo ist das jetzt, warum ist das noch nicht fertig?!“  Ich werde dann selber etwas patriarchisch. Das sage ich den Leuten aber auch ganz offen. Wenn jemand mit mir im Interview sitzt, dann sage ich, in einer Stresssituation tendiere ich dazu, so und so zu reagieren. Damit öffne ich den Raum und das heißt, mein Gegenüber kann sich auch mal stoßen.

Jonas: Zum Thema Authentizität hast du gemeint, dass du davon ausgehst, dass der Mensch, der ein privates Leben hat, aber auch der Mensch ist, der er in der Arbeit ist. Genau diese Grundsatzthese wird zurzeit oft in Frage gestellt. Ist das tatsächlich der Fall oder wird das im Unternehmen so vorausgesetzt? Oder gibt es in Unternehmen noch den Arbeitsmenschen, also das Work ME & Private ME? Ist es bei euch so, dass die Leute nur ein „Ich“ haben oder gibt es da Leute, die die Maske aufsetzen?

Farina: Ich glaube, du hast immer beides. Du kannst niemanden dazu zwingen, die Maske abzunehmen, wenn er das nicht möchte. Persönlich habe ich das jahrelang gemacht, denn ich habe ganz jung schon viel Verantwortung übernommen, da setzt man durch diese gewisse Unerfahrenheit automatisch eine Maske auf, aus Unsicherheit. Denn ich hatte das Gefühl, wenn ich diese Maske nicht aufhabe und etwas schiefgeht, dann tun die Leute mir etwas. Das ist ganz oft die Art von Angst. Kann ich jedem die Angst nehmen? Nein, definitiv nicht. Es gibt mit Sicherheit Leute bei uns, die ihre „Work -Maske“ aufhaben und da kann ich auch gar nicht dahinter schauen. Allerdings glaube ich langfristig, nimmt es dir viel weniger Energie als Mensch, wenn du nicht switchen musst oder wenn du bewusst switchen kannst. Wenn ich zum Beispiel auf der Bühne stehe, dann ist „Pitch Farina“ an und dann bin ich präsent. Ich habe lange getanzt und habe dadurch eine gewisse Bühnenpräsenz. Aber das heißt nicht, dass ich privat auch die bin, die auf jeder Bühne tanzt. Genau das finde ich auch spannend bei Menschen, herauszufinden und herauszukitzeln wie sie sind und was sie mitbringen. Ich glaube, viele Menschen passen sich bewusst an Situationen an. Das gebe ich Leuten gerne mit – ich sage ihnen, dass sie sich nicht anpassen müssen, sondern, dass wir sie mit all ihren Morgenmuffelfähigkeiten akzeptieren.

©www.linkedin.com/in/farinaschurzfeld/

Jonas: Was für Maßnahmen gibt es bei Selfapy, um so eine Kultur und so einen Arbeitsplatz zu schaffen? Also einerseits eine Kultur umsetzen, welche ihr für wünschenswert haltet und gleichzeitig ein Umfeld zu schaffen, wo es funktioniert, dass jeder das Gefühl hat, das man „ich selbst“ sein kann?

Farina: Ich weiß gar nicht, ob wir das immer schaffen, wenn ich ehrlich bin. Wir versuchen es, aber ich bin mir nicht sicher, ob alle Mitarbeiter sagen würden, dass sie sie selbst sind bei der Arbeit. Um zurück zu deiner Frage zu kommen: Wir sind drei Gründerinnen und wir sind auch sehr unterschiedlich vom Typ her. Ich glaube, verschiedene Menschen haben auch jeweils zu einem anderen von uns den Bezug. Ich denke, das macht bei uns sehr viel aus. Egal was für ein Typ du bist, wenn du eher zurückhaltend bist, nicht so viel über Privates reden möchtest, dann hast du vielleicht eher meine Mitgründerin Nora oder Kati. Ich bin eher diejenige mit der die Leute mittags Tennis spielen gehen. Aber ich zwinge niemanden zu diesem privaten Teil und das ist auch nicht unbedingt notwendig. Wir versuchen aber auch, das ganze Team zusammenzubringen, wir frühstücken z.B. freitags alle gemeinsam. Freitagabend ist es meistens auch so, dass ganz viele noch im Büro bleiben und gemeinsam etwas trinken. Mittags halte ich mich raus, ich bin kein Mittagessen-Typ, das machen wiederum andere. Ich mache lieber Sport und die anderen können Mittagessen gehen. Generell glaube ich, ist es gut vorzuleben, dass es nicht so ist, dass man zur Arbeit kommt, 8 Stunden effizient sein muss und dann kannst du gehen. Ich habe mir letztens Jonglierbälle gekauft, da haben wir erst Mal alle ein paar Übungen gemacht für eine Stunde im Büro. Ich mache auch fast alle meine Meetings gehend, ich hasse es immer rumzusitzen. Das macht jeder so für sich, meine Mitgründerin Kati macht das auch, sie hat einen Hund, sie geht dann immer mit den Leuten, mit dem Hund spazieren. Jeder hat da so seinen eigenen Weg von uns dreien, aber zusammen ist das eine coole Kombination.

Jonas: Es ist also nicht so, dass ihr sagen würdet ihr steuert das bewusst, sondern es ist schon verinnerlicht, also eine Intuition?

Farina: Ja, ganz klar, Intuition! Das ist genau der Punkt, ich mache keine Sachen, die ich generell nicht machen würde. Ich mache mittags gerne Sport oder hole mir einen leckeren Kaffee vom Café nebenan. Ich mache das aber nicht, weil ich denke, da müssen jetzt andere mit Tennis spielen, denn das ist dann Teambuilding und das ist dann sinnvoll. Sondern ich mache das so oder so, und wer Lust hat, macht mit. Dann ist es auch weniger gestellt. So entwickelt es sich organisch. Ich denke, da wir zu dritt sind und auch schon länger in dem Bereich unterwegs sind, macht man bestimmte Dinge mehr aus Erfahrung und Intuition.

Jonas: Ich höre es auch immer öfters, wir machen es wie wir denken, dass es richtig ist. Man hält sich nicht an irgendwelches Management oder Leadership Bücher. Man macht, wie man das Gefühl hat, dass es gut passt. Und das scheint auch gut zu funktionieren.

Farina: Viele Leute setzen Regeln in Unternehmen auf, um eine gewisse Kontrolle zu haben. Weil man Angst hat, dass man ohne diese Regeln nicht das Ergebnis erzielt, das man sich wünscht. Ich bin immer dafür und Obama hat das auch auf der „Bits & Pretzels“-Bühne gesagt, dass ein Staat ohne „government“ seines Erachtens nach auch nicht funktioniert, weil er ineffizient wird und weil die Leute aus Ängsten heraus agieren. Das denke ich auch– ich glaube ein gewisses Framework musst du schaffen.

Aber ich glaube nicht, dass du zwanghaft viele Regeln etablieren musst, damit das Team funktioniert. Regeln sind einfach nicht so meins. Es gibt dieses Wort, „Individual Leadership, jeder Mensch möchte anders betreut und geführt werden.

Es gibt Leute, die wollen ihre 8 Stunden machen und gehen dann nach Hause. Und es gibt Leute, die wollen sich nur 1x die Woche in andere Sachen einbringen und stiften dann einen riesen Mehrwert. Betreue ich die anders? Ja, denn es sind unterschiedliche Menschen. Ich war ganz viele Jahre sehr selbstkritisch. Wenn ich was falsch gemacht habe, war alles schwarz und wenn etwas gut gelaufen ist, dann habe ich das kurz wertgeschätzt, aber nicht lange genug. Wenn das der Umgang mit dir selbst ist, dann wirst du es auch im Unternehmen nur schwer anders vorleben können. Das spiegelt sich alles in deiner Außenwelt wider. Wenn du den Umgang mit dir selbst veränderst, verändert sich das ja auch in deiner Kultur im Unternehmen oder in dem, was um dich herum ist. Deswegen glaube ich auch, dass man das nicht künstlich überstülpen und sagen kann „das ist jetzt die Kultur.“

Jonas: Vor allem sind wir dann ja wieder bei diesem, du musst eine andere Maske aufsetzen. Das nimmt Energie, das macht es nicht authentisch, das macht es anstrengend und du wirst dann auch nie konsequent sein. Abschließende Frage, was bedeutet für dich der Begriff „Neue Arbeit?“

Farina: Ich könnte dir jetzt keine Wikipedia Definition runterbeten. Für mich bedeutet es, den Menschen mehr ins Zentrum zu stellen. Lustigerweise habe ich dazu gestern eine Präsentation gehört. Ich glaube wir können Künstliche Intelligenz nutzen, die unsere Schwächen kompensiert. Übrigens kompensiert sie mehr unsere Schwächen, als das sie unsere Stärken stärkt, was sehr interessant ist. Aber als Menschen haben wir noch gewisse Eigenschaften wie Empathie, die einzigartig sind. Für mich bedeutet New Work, den Menschen ins Zentrum zu stellen bzw. den Menschen, der sich in dem Konstrukt Arbeit befindet. Arbeit ist ja nur ein Raum, in dem man sich aufhält und gewisse erfreuliche Erfahrungen macht. Ich glaube daran, dass es in diesem Raum möglichst wenig Regeln und wenig Angst geben sollte, sondern man mit ganz viel Freude, Mut und Neugierde eine gute Zeit hat, Dinge lernt und die gesetzten Ziele dann gemeinsam in diesem Mikrokosmos erreicht.

Jonas: Vielen Dank für das schöne Gespräch liebe Farina

Hier geht es zu den anderen Blogposts aus unserer Interviewreihe mit New Work Experten:

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